Neue, alte Institution: Psychologie in der Schule

Was am Gymnasium Pfarrkirchen mittlerweile eine Selbstverständlichkeit darstellt, ist für die meisten anderen Schulen in Bayern und auch in anderen Bundesländern eine unbekannte Einrichtung oder höchstens eine, von der man irgendwann einmal gehört hat. Dabei hat die Schulpsychologie als Teil der Psychologie durchaus schon eine lange Entwicklungsgeschichte hinter sich.

Daher möchte ich anlässlich der 100-Jahr-Feier des Gymnasiums Pfarrkirchen den Werdegang der Schulpsychologie in diesem vergangenen Jahrhundert ein wenig genauer darstellen und zwar in Anlehnung an den der Schule selbst.

„Lebenslauf der Schulpsychologie“ seit 100 Jahren

1900 bis Mitte der 60er Jahre: Von Freuds Couch zu vielfältigsten theoretischen Ansätzen

Als unsere Schule in Pfarrkirchen 1900 schon eine feste, wenn auch eine kleine Institution ist, beginnt die Psychologie als Wissenschaft sich gerade erst in einigen Köpfen zu etablieren. Weit entfernt ist der Zeitpunkt, da der Wert der Psychologie außerhalb von der Behandlung krankhafter Erscheinungen anerkannt wird. Noch weiter entfernt ist man von dem Gedanken, dass sogar (!) Kinder und Jugendliche eine spezielle Hilfe oder Unterstützung brauchen könnten, denn deren Status als eigenständig zu betrachtende Person muss sich erst langsam entwickeln.

Die Entstehung und Differenzierung derjenigen Wissenschaften, die sich den Problemen von Kindheit und Jugendalter zuwenden, hat zwar schon länger begonnen. Es dauert aber bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts bis aus beschreibender Entwicklungspsychologie, deskriptiver „Erfahrungsseelenkunde“ und Kindertagebüchern des 18. Jhdts. moderne Jugendpsychiatrie, pädagogisch-psychologische Diagnostik und Erziehungsberatung und noch viele andere Konzepte werden.

Mitte der 70er: Psycho-Boom

Nach turbulenten Aufbau- und Umstrukturierungsjahren kommt das Gymnasium Pfarrkirchen in ruhigere Wasser. Das ist der Zeitraum, in dem sich im Gegensatz dazu für die Psychologie allgemein und für die Schulpsychologie speziell einiges verändert.

Im Schwange der APO-Zeit entsteht großes Interesse an der Psychologie. Gerade Ergebnisse der Intelligenz- und Begabungsforschung bzw. der Lernpsychologie im weiteren Sinne sollen nicht mehr nur bei Problemen „im nachhinein“ angewandt werden, sondern vorbereitend und unterstützend in den Schulen und für die Ausbildung genutzt werden. Durch den Ausbau der Schulberatung sollen Bildungsreserven mobilisiert werden. Das komplexer und differenzierter werdende Schulsystem verlangt nach professionellerer Beratung. Schulpsychologen werden als Teil dieses besonderen Beratungssystems, der Schulberatung, gesehen und eingesetzt.

1970: Einzelkämpfer:

Gerade einmal 3 Schulpsycholgen sind in ganz Bayern tätig.

1973 : Jetzt wird´s amtlich

Der Beschluss der Kultusministerkonferenz enthält Rahmenvereinbarungen über die „Beratung in Schule und Hochschule“ mit detaillierten Bestimmungen über den Ausbau der schulpsychologischen Beratungsdienste.

Bayerischer Sonderweg

Bayern geht dabei im Gegensatz zu allen anderen Bundesländern einen eigenen Weg. Während in allen anderen Bundesländern Diplompsychologen an verschiedenen Beratungsstellen eingestellt werden, die möglichst, aber nicht notwendig Berufserfahrung als Lehrer haben sollen, wird in Bayern von Anfang an ein Doppelstudium für das Lehramt und das Diplom in Psychologie verlangt.

1978: Einrichtung eines eigenen Studienganges

Nachdem das Gymnasium in Pfarrkirchen 1975 seinen Umbau endlich abgeschlossen hat und in modernem Outfit weiterhin wächst und gedeiht, bewirkt die konsequente Fortsetzung des bayerischen Weges dagegen einen völligen Neubau der Ausbildung. Der Studiengang „Psychologie mit schulpsychologischem Schwerpunkt“ wird neu installiert. Dieser Studiengang kann nur in Koppelung mit einem Lehramtsstudiengang durchlaufen werden.

Damit sind in Bayern alle Schulpsychologen (neuer Bauart) Lehrer und Schulpsychologen, und in beiden Rollen direkt an den Schulen tätig.

Man will damit folgendes päd. Gesamtkonzept verwirklichen:

  • Schulberatung ist ein Teil der schulischen Erziehungsaufgabe. Sie umfasst auch die Beratung durch speziell ausgebildete Psychologen.
  • Schulpsychologische Beratung ist ein besonderer Sektor des Erziehungsbereiches.
  • Schulpsychologen sollen Lehrer sein mit zusätzlicher psychologischer Qualifikation.
  • Schulpsychologen sind konsequent in die Schule integriert.

1987 : Dem Gymnasium Pfarrkirchen wird eine Schulpsychologin zugeteilt

Alle staatlichen Internate in Bayern werden vordringlich mit Schulpsychologen versorgt. Pfarrkirchen gehört mit seinem florierenden Internat zu den ersten Heimschulen mit Schulpsychologe. Aber auch die angrenzenden Schulen sollen mitbetreut werden. Zum Bereich Pfarrkirchen gehören die Gymnasien Eggenfelden, Simbach/Inn und Pocking. Selbstverständlich profitieren aber auch die anderen Schulen in diesem Bereich von der Einrichtung, da viele Fragen und Probleme nicht nur in einer speziellen Schulart auftreten.

1999/2000: Schulpsychologie wächst und gedeiht

Es gibt mittlerweile in Niederbayern insgesamt 28 Schulpsychologen, davon 6 an Gymnasien. Das bedeutet für die Gymnasien, dass ein Schulpsychologe etwa 4500 Schüler zu „betreuen“ hat.

Aufgaben und Tätigkeitsfelder „Neben“ der Unterrichtstätigkeit hat der Schulpsychologe eine Vielzahl von Aufgaben, die außer von der Schulsituation auch von der persönlichen Interessenslage und Entwicklung geprägt werden.

Allgemein und überblicksartig zeigt sich dies in folgendem Schema

Situation der bayerischen Schulpsychologie – Vorteile und Gefahren

Die bayerische Konzeption hat sich mittlerweile bewährt, auch wenn sie, wie jede andere auch, Nachteile hat. Dazu gehören

  • mögliche Blindheit gegenüber Mängeln des Systems,
  • mögliche mangelnde Eigenständigkeit durch die starke Einbindung in das hierarchische System (Abhängigkeit von den Vorgaben der Vorgesetzten)
  • starke Abhängigkeit von der Unterrichtssituation (an der Schule: Kollision von Unterrichtstätigkeit, Beratungstätigkeit und überörtlichen Aufgaben; bayernweit: bei versiegenden finanziellen Ressourcen werden die für die Beratung vorgesehenen Stunden zugunsten von Unterricht möglicherweise gestrichen)

Prognostizierte Mängel wie etwa mögliche Rollenkonflikte, die entstehen können durch die Doppelfunktion als Berater und Lehrer, treten nur äußerst selten auf.

Die Vorteile der Konzeption sind daher hervorzuheben:

  • Große Nähe: der Berater ist als Person bekannt und ohne großen Aufwand erreichbar. Das erleichtert die Kontaktaufnahme meist sehr.
  • Integration: Der Schulpsychologe kennt das Umfeld und kann daher oft angemessener und effektiver reagieren.
  • Akzeptanz bei Schülern, Eltern und Lehrern (Bekanntheitsgrad) und damit erleichterter Zugang und verbesserte Zusammenarbeit.
  • Größeres Verständnis für die situativen Gegebenheiten (keine Beratung vom grünen Tisch)
  • Einbeziehung in Entwicklungen an der eigenen Schule und im System Schule überhaupt; Vernetzung mit anderen Schulen durch überregionale Arbeit.

Zusätzlich wichtig für die Akzeptanz ist und war die absolut gültige Schweigepflicht wie sie auch für nicht-staatliche Psychologen und andere Berufsgruppen gilt, so dass diese auch nicht von der Einbindung in die schulische Hierarchie berührt wird. In diesem Bereich ist der Schulpsychologe damit völlig autonom in seinem Tun.

Ausblick

Angesichts der Entwicklungen in der Gesellschaft und der Schule und der daraus entstandenen und weiterhin entstehenden Forderungen und Bedürfnisse, hat der Einsatz von Schulpsychologen zugenommen. Neben der vermehrten Nachfrage in der Einzelfallberatung und der Schullaufbahnberatung haben sich gerade auch in den Bereichen der Lehrerfortbildung, Entwicklung von neuen Unterrichtskonzepten, Supervision und Unterstützung von Kollegien und in der Organisationsentwicklung breite Tätigkeitsfelder ergeben, die in der alten Konzeption zwar angedacht, aber nicht in diesem Ausmaß vorauszusehen waren. Gerade dass die Schulpsychologen in Bayern das System Schule von innen kennen, kommt ihnen dabei zugute.

Nicht alles davon betrifft das Gymnasium Pfarrkirchen direkt, da ich in meiner Funktion als Aus- und Fortbildner, Referent und Berater viel auch an anderen Schulen arbeite. Aber diese Schule hat von Anfang an eine Entwicklung miterlebt, die manch andere bedeutend jüngere Schule nur vom Hörensagen kennt.

Ich persönlich habe viele Phasen der Berufsentwicklung hier am Gymnasium Pfarrkirchen durchlebt: vom ersten erstaunten Kontakt über manch eine Barriere in unterschiedlichen Bereichen hin zu vielen neuen Möglichkeiten und Erfahrungen. Manchmal habe ich Kollegen an jungen, neuen Schulen beneidet, ich gebe es zu. Aber vieles in unserer Schule ist jung oder verjüngt sich ständig oder ist durch lange Traditionen gereift. Das alles beeinflusst meine Arbeit sehr rege und wird manchmal, wie ich hoffe, auch ein wenig von meiner Arbeit beeinflusst.

Von Daniela Raith,

Staatliche Schulpsychologin für Gymnasien

   
© Gymnasium Pfarrkirchen