20 Jahre Schulpsychologie am Gymnasium


Am 31.7.1987 bekam ich von meinem damaligen Noch-Seminarlehrer die inoffizielle Nachricht (auf meiner Hochzeitsfeier!!), dass ich wohl nach Pfarrkirchen versetzt würde und nicht in Landshut bleiben könne. Damals war ich über diese Nachricht gar nicht so glücklich, denn meine Mann war gerade nach Landshut nachgekommen und das bedeutete eine erneute Trennung. Heute nach fast 20 Jahren Familien- und Berufsleben in Pfarrkirchen sehe ich das natürlich etwas anders.

Da es zur damaligen Zeit noch nicht viele Schulpsychologen gab - ich gehöre zu den Pionieren der neuen Ausbildung in Bayern, die 1978 eingeführt wurde (mein Studienbeginn war 1979) - bestimmte die Frage, ob und zu was ich in Pfarrkirchen gebraucht werden könne, den Anfang meiner Dienstzeit. Von „Hier in Pfarrkirchen sind die Kinder normal; höchstens im Schülerheim..." über „Jetzt muss man ständig aufpassen, was man sagt" zu „Kaum kommt so eine Junge aus Landshut mit was Modernem, schon kriegt die ein eigenes Telefon und will ein eigenes Zimmer." bekam ich alles zu hören und oft Skepsis spüren.

Aber Schulpsychologen waren auch praktisch. Sie wurden zu Mädchen für alles. Jedes neue Thema in der Schulkultur, viele schwierige Schüler, viele ungewöhnliche Situationen und manch eine anstrengende Klasse sollte von ihnen gemeistert werden. So erging es auch mir und so brachten die ersten Jahre neben dem Sichten und Klären von Erwartungen und Anforderungen großen Lern- und Erfahrungszuwachs in vielfältigsten Bereichen.

Viele Themen kamen und entwickelten sich in ihrer Intensität für meine Arbeit sehr unterschiedlich. Vielleicht erinnern Sie sich an einige. In der Einzelfallberatung fallen mir zum Beispiel ein Legasthenie, Dyskalkulie, Hyperaktivität, Essstörungen, Ritzen, Depressionen im Kindesalter, Behinderungen im Schulalltag, Mobbing oder neue Lernstrategien. Wichtige Begriffe in der Personalentwicklung und Fortbildung wurden Burn-Out, Stressmanagement und Supervision. Bei der Schulentwicklung gab es noch nie so viele Neuerungen wie in der letzten Generation. Zu nennen sind dabei etwa neue Unterrichtsformen, Einüben von verschiedenen Kompetenzen neben der Wissensaneignung, Pisa und seine Konsequenzen für die Schule, Leitbildentwicklung, interne und externe Evaluation, Stichwort „neue Schulkultur", Moderationsmethoden, neue rechtliche Regelungen, wie z.Z. Übergangsregelungen, Modusmaßnahmen (neue Ideen in der Schule), Krisenintervention, usw.. Oft benennen allerdings neue Schlagworte altebekannte Themen nur neu und bringen sie damit wieder in das Bewusstsein der Menschen und der Gesellschaft (wie z.B. Mobbing oder Essstörungen), was durchaus sinnvoll ist.

Neben neuen Themen gibt es aber in meiner Arbeit auch viel Gleichbleibendes und Stetiges. Denn im Grunde bleibt der Rahmen immer gleich. Kinder, Jugendliche und Erwachsene kommen mit verschiedenen Fragen, Anliegen und Problemen zu mir und erwarten Hilfestellung und Unterstützung, manchmal auch nur ein offenes Ohr oder eine Bestätigung ihrer Überlegungen und Handlungsweisen, sei es im Einzelgespräch, im Elternabend, in der Fortbildung oder in der Supervision und im coaching.

20 Jahre Ansprechpartner für Probleme zu sein und zu hören, was alles nicht so läuft wie es sollte, kann manchmal sehr anstrengend, fordernd und zehrend sein. Und es gibt Zeiten, in denen ich den Blick für das Normale verliere und meine, die Welt bestehe nur noch aus Störungen und Problemen, aus Gewalt und Beziehungsstörung, aus Demotivation und Überforderung, oder Zeiten, in denen ich nach der Wirksamkeit oder dem Sinn meines Tuns frage, weil ich den Eindruck habe, unentwegt mit den gleichen Fragen zu kämpfen oder auf der Stelle zu treten.

Das ist das Los bei vielen Helferberufen. Anfangs führt die mangelnde Routine und Erfahrung zu Verunsicherung beim Arbeiten und mit den Jahren ist es eher Resignation und Müdigkeit, die sich einschleichen und die Arbeit verderben kann. Daher ist eine ganz wichtige Regel, die gerade auch durch die Krisenintervention wieder ins allgemeine Bewusstsein gedrungen ist: Helfer müssen gut für sich sorgen, denn wenn es ihnen schlecht geht, ist es mit der Hilfe vorbei. Dann ist der Schaden oft größer als der Nutzen.

Für mich war, ist und bleibt in Zukunft daher wichtig, gegenüber Resignation und Müdigkeit hellwach zu bleiben und zur richtigen Zeit auch für genügend Distanz zu sorgen. Für die Beratungsarbeit bedeutet das für mich vor allem,

  • jeden einzelnen Kontakt als neu zu betrachten und mich auf die jeweilige Fragestellung „frisch" einzustellen;
  • „lokal zu handeln und global zu denken", das heißt für mich, dass trotz mancher gesellschaftlicher Grundtendenzen, die meine Arbeit in Frage stellen, Nichtstun noch schlimmer wäre, dass ich aber durchaus die Beschränktheit meines Einflusses sehe und nicht daran verzweifle;
  • mich über kleine Schritte zu freuen, über Entwicklungen, die sich erst später einstellen, über Rückmeldungen nach Jahren, über ...;
  • Verantwortung mit anderen Erziehern/Eltern zu teilen oder Hilfe an anderer Stelle für mein Gegenüber oder auch für mich zu suchen;
  • Möglichst aus allen Kontakten etwas Gutes oder Interessantes für mich persönlich mitzunehmen

All die Jahre hat mich die Freude am Kontakt und das Interesse an Menschen und ihren Lebensumständen und -strategien begleitet (man könnte es auch Neugierde nennen - eine positive Berufskrankheit von Psychologen). Ich denke, das ist durchaus eine vielversprechende Voraussetzung für die nächsten 20 Jahre.

 

Daniela Raith

Staatliche Schulpsychologin

   
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